[ ZMMnews-Logo ]  Ausgabe Winter 1996/97 - Archiv Übersicht - Medienkultur Universität Hamburg

Zur Ästhetik des Auditiven

Das Medienkultur-Projektseminar Radio


I
n der Radioliteratur gibt es nur wenige Untersuchungen zur Ästhetik des Mediums. Die Defizite der Radioforschung veranlassten das Medienkultur-Projektseminar 1996/97 "Aspekte des sogenannten Kulturauftrags im öffentlich-rechtlichen Rundfunk" (Leitung Dr. Horst Ohde), sich in einem Teilprojekt eingehender mit der "Ästhetik des Auditiven" zu beschäftigen.

Im Projektseminar geht es nicht nur um kultur- und rundfunkpolitische Fragestellungen, sondern auch darum, das auditive Medium unter einem ästhetischen Blickwinkel zu betrachten. An die Analyse seiner Gestalt und Wirkungsweise schließt sich der Vergleich mit anderen Medienformen an. Die Erstellung eines Medienprofils soll Antworten auf die Frage nach spezifischen Chancen des des Hörfunk-Mediums liefern, oder anders ausgedrückt: Hat das Radio trotz seiner "Nur"-Auditivität etwas, was andere Medien nicht haben? Was lässt sich nur im Bereich des Hörfunks realisieren? Es also um die Medienspezifik: Wie steht es um die Imaginationskomponente beim Audiovisuellen und beim Schrifttext? Was bedeutet überhaupt "Realitätsvermittlung" und "Realitätskonstitution" in den verschiedenen Medienformen? Weitergehend ist z.B. die These Faulstichs, dass der Hörfunk "als mit Notwendigkeit Konkretes" auf Allgemeingültigkeit ziele, während im Visuellen "das allgemein Gültige aufs abstrakte Einzelne" reduziert werde.

Der Versuch einer medienästhetischen Bestimmung gehört heute zu einer Funktionsdefinition des Mediums. Neuere Literatur zur Hörfunkästhetik gibt es wenig. Werner Faulstichs "Radiotheorie" (Tübingen 1981) ist deshalb Ausgangspunkt für eine kritische Überprüfung. Faulstich beschreibt in seiner Studie, die sich auf das Orson Welles-Hörspiel "The War of the Worlds" von 1938 bezieht, insbesondere im Abschnitt "Auditivität" die aus seiner Sicht ausschlaggebenden Qualitäten des Hörfunks:

(1) Das fundamentale Prinzip der Einsinnigkeit (ausschließliche Auditivität) bildet die grundlegende Differenz zu den audiovisuellen Medien wie Film/ Fernsehen. Die visuelle "Leerfläche" des Hörfunks verlangt nach der Imagination des Rezipienten als ergänzende Instanz. Dafür bedarf es der Phantasie des Hörers, die aber prinzipiell nur (visuell) Bekanntes aufzubieten vermag.
(2) Reine Auditivität bedeutet eine Aufforderung zur aktiven Teilnahme, anknüpfend an die Neigung, unvollständig gebotene Raster mit Eigenem aufzufüllen.
(3) In dieser "Stimulanz zur Verganzheitlichung, Vereinheitlichung der Wirklichkeit" (Faulstich, S.60) liegt das besondere propagandistische Potential des Mediums.
(4) Realität und Illusion sind im Hörfunk deswegen nicht trennbar, weil Realität hier nur mit Hilfe von Illusion vermittelt werden kann.

 

Faulstich, Werner: Radiotheorie. Eine Studie zum Hörspiel 'The War of the Worlds' (1938) von Orson Welles. Tübingen 1981 (= Medienbibliothek. Serie B: Studien, Bd. 1).

 


Textfassung vom 01.11.1996, Copyright © Projektseminar Radio
URL: www.akustische-medien.de/aufsatz/zmm_projekt96_97.htm
November 1996 - ZMMnews ONLINE - Zentrum für Medien und Medienkultur - Universität Hamburg