[ ZMMnews-Logo ]  Ausgabe Winter 1996/97 - Archiv Übersicht - Medienkultur Universität Hamburg

Easy Listening

Das Radio und seine Wissenschaft

Warum eigentlich, fragt man sich, soll Radio unbedingt etwas mit Kultur zu tun haben? Gewiss, da gab es mal Hörspiele: Eich, Bachmann, Hildesheimer, Böll... in den fünfziger Jahren. Aber wer hört heute noch Hörspiele?

von Knut Hickethier

Noch nicht mal die Wissenschaft hat das Medium Radio für wert gehalten, sich mit ihm anhaltend und umfangreich zu beschäftigen. Die wenigen, die es tun, sind einsame Rufer in der Wüste. Film und Fernsehen haben ihre Film- und Fernsehwissenschaft, aber schon mal was von einer Radiowissenschaft gehört? Die wissenschaftliche Beschäftigung mit dem audiophonen Medium geht in der Medienwissenschaft oder in der Kommunikationswissenschaft auf. Und die Arbeiten über das Hörspiel werden auch immer seltener.

Radiokultur? Hörspielkultur? Welcher Literaturwissenschaftler hört denn heute noch Hörspiele? Fragen sie doch mal im Literaturwissenschaftlichen Seminar in die Runde! Oder auch auf einem Germanistenkongress! Dabei gilt das Hörspiel in allen literarischen Nachschlagewerken längst als literarische Gattung.

Welcher Medienkultur-Student hat denn schon einmal ein Hörspiel von Andreas Ammer gehört oder von Heiner Goebbels oder von Alfred Behrens? Wer kennt denn eine Produktion der Hörspielredakteure Ullrich Gerhardt oder Norbert Schaeffer, um nur mal die gegenwärtig wichtigsten zu nennen? Welche Hörspieldramaturgen sind denn den Wissenschaftlern bekannt? Hätte Klaus Schöning neben seiner Hörspieldramaturgentätigkeit nicht so viele Bücher über das "Neue Hörspiel" herausgegeben - er wäre längst außerhalb der Rundfunkanstalten vergessen.

Ganz zu schweigen vom Feature. Dass das Radiofeature der deutschen Sender als Programmform weltberühmt ist, ist in Deutschland weitgehend unbekannt. Dass Feature-Autoren, wie z.B. Peter Leonard Braun, daraus eine eigene radiophone Gattung machten - das ist, sagen wir es offen, der Wissenschaft weitgehend verborgen geblieben. Die zwei, drei Dissertationen über das ganze Genre sind aus dem Schattendasein des Selbstdrucks nie hinausgelangt.

Und vom 'Kulturellen Wort', dem Radio-Essay, dem langen philosophischen Gespräch, dem Disput, und deren Bedeutung für die bundesdeutsche Kultur haben keine ausführlichen Studien eine wissenschaftliche Spur in die Programmgeschichte der deutschen Sender eingezeichnet.

Warum also muss Radio etwas mit Kultur zu tun haben, wenn selbst die Wissenschaft, die sich sonst um vieles bemüht, was eher randständig erscheint, sich mit dem immer noch - ja, immer noch - wichtigsten, weil am meisten genutzten Medium nicht beschäftigt?

Seltener Schwerpunkt

Dass im Nebenfach 'Medienkultur' an der Universität Hamburg Radio einen der vier Schwerpunkte bildet, kann bundesweit als Seltenheit verstanden werden. Kaum sonst wird das Medium explizit in den Studienplänen verankert. Und das hat Folgen: Denn was in den Studienplänen nicht festgeschrieben ist, wird - und das ist schon länger so, nicht erst in Zeiten rigoroser Sparmaßnahmen - auch nicht gelehrt, darüber wird nicht geforscht und nichts geschrieben usf.. Auch die Wissenschaft ist Teil des Diskurses über das Radio und hat eine Verpflichtung, die sie bislang auch nicht annähernd eingelöst hat.

Zwar hat es in der Wissenschaftsgeschichte immer mal wieder Ansätze zu einer Radio- oder Rundfunkwissenschaft gegeben. Kurt Wagenführ hat Anfang der vierziger Jahre eine Rundfunkforschung am damaligen Institut für Zeitungswissenschaft Emil Dovifats (er war auch eine zeitlang nach 1945 Vorsitzender des NWDR-Hauptausschusses) etabliert. Das Kriegsende hat sie nicht überlebt. Nach dem Krieg hat Wagenführ dann das Hans-Bredow-Institut mitgegründet. Die erste wissenschaftliche Zeitschrift hieß damals "Rufer und Hörer", war also allein dem Radio gewidmet, bevor dann "Rundfunk und Fernsehen" gegründet wurde. Tempi passati.

Heute ist Radio wissenschaftlich wieder im Kommen, schaut man auf den Buchmarkt: "Radiomanagement" (Haas/Frigge/Zimmer), "Radio heute" (Arnold/Quandt) oder "Formatradio in Deutschland" (Goldhammer) fallen einem gleich in die Hände. Na also, doch eine Radiowissenschaft! Wo das Formatradio eine Reduktion von Journalismus und Kultur betreibt, wendet sich die Wissenschaft mit Interesse wieder dem Medium zu. Radio wird erst schön, wenn es so richtig wie im Kaufhaus klingt! Dann werden wir Wissenschaftler wieder neugierig. Banalität ist doch was Faszinierendes.

"Die Wissenschaft", so lobt RTL-Radiochef zur Mühlen auf dem Deckel des Buches übers Formatradio, habe "schon lange" auf eine Darstellung des Formatradios "gewartet". Wusste ich noch gar nicht. Warum hat die Wissenschaft nicht auf ein Standardwerk über Radiokultur gewartet? Doch wenn selbst die sonst so kulturbeflissene "Frankfurter Allgemeine" Kulturwissenschaft für etwas Unsittliches und "Medienkultur" für eine Art Umbau der "Ornitologie" zum "Flugzeugbau" hält (4.9.96), ist auch dem letzten Leser der Seite "Geisteswissenschaften" klar, dass Radiokultur eine Ausgeburt des Ungeistes sein muss.

Ach ja, Kultur. Kultur? Hörspiele? Frederike Roth? Heinz von Cramer? Heinz Hostnig? Karl H. Karst? Wer ist denn das? Macht nichts, Schwamm drüber. Easy Listening und Adult Contemporary sind viel schöner.


Textfassung vom 01.11.1996, Copyright © Knut Hickethier
URL: www.akustische-medien.de/aufsatz/zmm_easy96_97.htm
November 1996 - ZMMnews ONLINE - Zentrum für Medien und Medienkultur - Universität Hamburg