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Ausgabe Sommer 1996 - Archiv Übersicht - Medienkultur Universität Hamburg

 

Digitales Radio

Wenn Hörfunkleute vom digitalen Studio oder von digitaler Sendetechnik sprechen, ist heute damit nicht mehr das Abspielen von Compact Discs und DAT-Kassetten oder das Digitale Satelliten Radio gemeint. Digitalisierung bedeutet für den Hörfunk: neue technische Verfahren der Produktion von Radiosendungen, computergesteuerte Programmplanung und -gestaltung, Vernetzung der Hörfunkstudios, Radio im Internet und neue Übertragungstechniken (s. a. ergänzend dazu eine kurze Einführung in die digitale Verarbeitung von Audiosignalen).

von Frank Schätzlein

Die öffentliche Diskussion bezog sich in den letzten Jahren vor allem auf den (direkt die Hörer betreffenden) Bereich der möglichen neuen Übertragungswege. Der Einzug der Computer in die Studios und die bereits teilweise vollzogene Abschaffung der analogen Bandtechnik - also Aspekte der Digitalisierung, die direkte Auswirkungen auf die Radioästhetik haben (können) - erfolgten dagegen eher unbeachtet und vom Rezipienten ungehört.

Die Digitalisierung der Studiotechnik: Computer Aided Radio (CAR)

Bei vielen verhältnismäßig jungen deutschen Radiostationen werden die Beiträge und Sendungen nicht mehr an der (digitalen) Bandmaschine, sondern an sogenannten Sound- oder Workstations bearbeitet bzw. geschnitten. Eine solche Soundstation ist ein Computer mit einer leistungsfähigen Audiokarte (z.B. CUTmaster). Das Verfahren des Bearbeitens heißt am PC nicht mehr Schnitt, sondern Editing. Der Redakteur hört die einzelnen Teile seiner Sendung (z.B. O-Ton, eigener Kommentar, Musik) nicht nur, er sieht sie auch am Bildschirm in der sogenannten Waveform- oder Hüllkurven-Darstellung. Sind die Computer der einzelnen Redaktionen mit denen in anderen Sendeanstalten, Audioarchiven, Nachrichtenagenturen und Sounddatenbanken vernetzt, besteht die Möglichkeit, mittels Datenfernübertragung fremde Beiträge, O-Töne, Musik, Jingles oder Spots direkt auf die eigene Festplatte zu laden.

Das Hörfunkstudio der Zukunft ist das Selbstfahrer-Studio, in dem ein Redakteur oder Moderator alle Geräte um sich herum angeordnet hat und diese entweder alle selbst per Hand bedienen kann oder sie mit einem Mausklick über das virtuelle Mischpult auf dem Computerbildschirm startet. Häufig ist den Hörfunkmitarbeitern dann zusätzlich auch noch die Möglichkeit der Musikauswahl genommen. Auch das erledigt ein Rechner, der Musik-Computer. Er sortiert die Musikstücke aus dem Archiv nach verschiedenen Kategorien (Tempo, Musikrichtung, Interpretentyp, Alter, Sprache und andere Eigenschaften), ordnet sie verschiedenen Tageszeiten, Wochentagen und den Jahreszeiten zu und erstellt die sogenannte Playlist. [1]

Im Newsroom des SWF, der am 2. Januar in Betrieb genommen wurde, werden die Berichte und O-Töne eines Korrespondenten entweder in den digitalen Aktualitätenspeicher (DIGAS) des Senders gesprochen oder als Datei von seinem PC zum Redaktions-PC nach Baden-Baden übertragen. Dort können sie dann sofort gehört, bearbeitet und mit Musik und anderen Beiträgen am Computer für eine ganze Sendung zusammengestellt werden. Im Studio werden dann die einzelnen Elemente der Sendung durch den Moderator vom mit dem Redaktionscomputer verbundenen Sende-PC (er heißt beim SWF Newsplayer) abgerufen und direkt von der Festplatte gesendet. Bereits auf ausschließlich digitalen Sendebetrieb umgestellte Sender sind zum Beispiel N-Joy Radio, Radio Bremen 4, MDR Sputnik und Fritz, die gemeinsame Jugendwelle von ORB und SFB. Andere Sender verfolgen das sogenannte Hybrid-Konzept, bei dem sowohl konventionelle analoge als auch digitale Radiotechnik-Komponenten verwendet werden. [2]

Digitale Produktionstechnik beim Hörspiel und interaktives Hörspiel

Bei der Produktion von Autorenhörspielen - inzwischen natürlich auch in den Hörspielstudios der ARD - findet bereits seit vielen Jahren das Harddiskrecording-System (HDR) Anwendung. Durch die Digitalisierung des Audiomaterials lassen sich alle Parameter getrennt bestimmen: Tonhöhe, Tondauer, Lautstärke, Klangfarbe, Schwingungsverhalten, Echo, Hall usw. Der Schnitt kann auf eine zehntausendstel Sekunde genau ausgeführt werden. Außerdem besteht die Möglichkeit, Sprache, Musik oder Geräusch zu dehnen oder zu stauchen, damit sie sich in einen bestimmten Zeitabschnitt exakt einfügen oder sie durch Spezialeffekte (rückwärts abspielen, Sampling, Phasenverzögerung, Veränderung der Wiedergabefrequenz usw.) zu verfremden. Mittels Datenfernübertragung ist schließlich das Abrufen von einzelnen Samples, Sounds, Musikstücken und O-Tönen von Sounddatenbanken möglich - ohne den Gang ins Bandarchiv. Allerdings setzt dies voraus, dass das gesamte alte Tonmaterial, das noch auf analogen Bändern oder auf Schallplatten vorliegt, auf einen digitalen Tonträger überspielt wird; eine Arbeit, die sich angesichts des immensen Umfangs des archivierten Materials über viele, viele Jahre hinziehen wird.

Seit Frühjahr 1995 ist es für die Hörer der Kurzhörspielreihe "Codewort Larissa 4 2" im dritten Programm des Süddeutschen Rundfunks möglich, über die RadioNet-Mailbox (Forum Schulfunk) von SDR und SWF Vorschläge für das Manuskript und den weiteren Verlauf der Handlung zu machen. Über die mehr als 200 Mailboxen des RadioNet-Systems im deutschsprachigen Raum können sich Hörspiel- und Computerfreunde inzwischen auch die einzelnen Folgen des Hörspielkrimis als Audiodatei auf die Festplatte ihres PCs laden. Nach der Produktion von 14 jeweils fünfminütigen Folgen wurde das Radioexperiment erst einmal unterbrochen, da es von den Verantwortlichen beim SDR aufgrund der zu knappen Zeit für den Produktionsvorlauf und des zu hohen Arbeitsaufwands nicht mehr bewältigt werden konnte. Wenn das Projekt wieder aufgenommen wird, soll jede Krimiepisode in sich abgeschlossen und der Kontakt zu den Hörern verstärkt werden. [3]

Radio im Internet (Anfang 1996)

Auch im Internet hat sich der Hörfunk inzwischen etabliert. Bis zum letzten Jahr war es für Online-Nutzer relativ umständlich, sich Audiodateien aus dem Netz auf die eigene Festplatte zu laden. Die Datenübertragung für fünf Minuten Tonmaterial dauerte etwa eine halbe Stunde. Mit den seit dem Frühjahr 1995 von der US-Firma Progressive Networks angebotenen RealAudio-Playern ist das alte Prinzip (Datei aussuchen - Datei laden - Datei mit der Software des eigenen PCs abspielen) überwunden worden - mit der kostenlosen RealAudio-Software können alle verfügbaren Audioaufzeichnungen in Echtzeit vom Anwender abgerufen werden. Über die Progressive-Networks-Server können neben zahlreichen internationalen Radiosendern auch viertelstündlich aktualisierte Nachrichten, Uni-Vorlesungen, Hörspiele und Konzerte angehört werden.

Aus Deutschland wollen jetzt der hessische Sender Hit-Radio FFH, 104,6 RTL, der Jugendsender Fritz und das Inforadio von SFB und ORB im Internet mit einem Audio-on-demand-Service präsent sein. Neben der Wiedergabe von Tondokumenten werden auf Online-Basis - vor allem durch den Vorreiter SWF - auch Adressen, Hintergrundinformationen, vollständige Interviewtexte u.ä. angeboten. Bisher ist die Tonwiedergabe über das Internet allerdings blechern und schlechter als bei einem Kofferradio; für Wortbeiträge reicht die Übertragungsqualität der Leitungen des Datennetzes allerdings auch jetzt schon aus. Doch dies soll sich ab Januar 1996 ändern, wenn die verbesserte Version 2.0 des RealAudio-Players angeboten wird. [4]

Neue Hörfunk-Übertragungssysteme

Das digitale Zeitalter des Radios begann bereits 1988/89 mit der Einführung des Radio-Daten-Systems (RDS) - zur Senderkennung und automatischen Senderabstimmung - und dem Digitalen-Satelliten-Radio (DSR), das seit August 1989 zu empfangen ist. Obwohl das DSR, da es ohne Datenkompression arbeitet, eine der CD vergleichbare Klangqualität aufweist, ist es inzwischen gescheitert. Nach der Aufgabe der Nutzung des Satelliten TV-Sat 2 durch die deutsche Telekom, ist das DSR nur noch über DSF Kopernikus und den Kabelanschluss (mit einem speziellen DSR-Tuner) zu empfangen.

Es werden nur 16 - fast ausschließlich Informations-, Wort- und Kulturprogramme präsentierende - Sender angeboten, die bereits über UKW empfangen werden konnten. Trotz Kabelempfang und hoher Tonqualität hat das DSR in der Bundesrepublik jedoch lediglich etwa 100.000 Hörer. Ebenfalls mit digitalem Satellitenempfang arbeitet das ASTRA-Digital-Radio (ADR). Hier können zusätzlich zum Audiosignal aber auch Zusatzinformationen gesendet und über ein Display am Empfangsgerät sichtbar gemacht werden. Neben konventionellen Hörfunkprogrammen überträgt ADR auch die Pay-Radio-Programme des Digital-Music- Express (DMX), die ohne Werbung und Moderation Musik aus verschiedenen Kategorien (z.B. Klassik, Pop, Oldies, Jazz, Country, Blues) bieten. Der Preis für die ununterbrochene Musikübertragung liegt ohne die (Miet-)Kosten für das Empfangsgerät bei etwa 20 DM pro Monat. Ähnlich dem ADR arbeitet schließlich noch das zur Zeit jedoch wesentlich teurere Satelliten Radio SARA. Da die beiden neuen Satellitensysteme ADR und SARA ihr Tonsignal aber mit dem MUSICAM-Verfahren komprimieren, stellen sie für wirkliche Hi-Fi-Fans keine Alternative zum DSR dar.
Für den digitalen terrestrischen Radioempfang wird seit 1985 das Digital Audio Broadcasting-System (DAB) entwickelt. Obwohl DAB die Musik auch mittels MUSICAM komprimiert und somit nicht ganz die Klangeigenschaften der CD erreicht, hob die Einführungsstrategie zu Beginn die hohe Wiedergabe- bzw. Übertragungsqualität hervor.

Da diese jedoch - außer für die bereits durch das DSR enttäuschten Klangpuristen - für die Rezipienten nur geringe Bedeutung hat, wurde die Argumentation auf die Störungsfreiheit bei mobilem Empfang und die zusätzlich möglichen sogenannten Mehrwertdienste (das sind Texte, Wetternachrichten, Verkehrsleitsysteme, Börseninformationen, Touristikinformationen und Datenrundfunk) verschoben. Doch gerade beim mobilen Einsatz der DAB-Empfänger im Auto nützt die Wiedergabequalität kaum und Datendienste sind wohl - mit Ausnahme eines Verkehrsleitsystems - auch eher im Wege. Der Preis für ein Empfangsgerät liegt subventioniert - im Rahmen der Pilotprojekte - bei 800 bis 1500 DM, ohne Subventionen bei etwa 3500 bis 5500 DM. Das neue System für das terrestrische Digitalradio wird seit Herbst 1995 in Baden-Württemberg, Bayern und Berlin getestet, Nordrhein-Westfalen folgt jetzt, später dann Sachsen, Sachsen-Anhalt, Thüringen und Rheinland-Pfalz. Diese Versuche beziehen sich bisher nur auf das autofahrende Radiopublikum auf den Hauptverkehrsachsen der Testgebiete (die Gerätetechnik für den stationären Empfang zu Haus findet kaum Beachtung). Sie werden von den Verantwortlichen der DAB-Plattform e.V. nicht als Pilot-, sondern als Einführungsprojekte betrachtet - der Regelbetrieb soll Ende 1997 beginnen, was erstaunlicherweise jetzt schon festzustehen scheint. Allerdings hängt die Einführung in einem gewissem Rahmen noch von der Neufestlegung der Rundfunkgebühr ab. Langfristig soll nach 15 bis 20 Jahren parallelem Betrieb der nicht kompatiblen Übertragungswege das neue System die UKW-Technik ab dem Jahre 2015 ganz ersetzen - die konventionellen UKW-Tuner und -Radiorecorder sind dann wertlos. Ob nicht wieder eine Übertragungstechnik an den Bedürfnissen der Nutzer vorbei entwickelt und eingeführt wird, die mehr den Umsatz und Technologievorsprung der Geräteindustrie fördern wird als die Freude am komfortablen und qualitativ hochwertigen Radioempfang, ist hier noch die Frage.[5] Zumal die Telekom schon das Digital Video Broadcasting-System (DVB) für Audio- und Videoempfang via Kabel, Satellit und terrestrische Sender plant, das alle hier vorgestellten anderen Verfahren ablösen soll.[6]

Anhang:

Die Digitalisierung von Audiosignalen. Eine kurze Einführung auf dem Stand von 1996. In: ZMMnews. Zeitschrift des Zentrums für Medien und Medienkultur der Universität Hamburg. April 1996, S. 33.

Anmerkungen:

[1] Vgl. Jan Reetze: Die Realität der Medien. Die Synthese von Film, Musik, audiovisueller Kunst und elektronischen Informationsmedien oder Der Beginn der Illusionsgesellschaft. Hannover 1992. S. 222-233 und
Walther von La Roche und Axel Buchholz (Hg.): Radio-Journalismus. Ein Handbuch für Ausbildung und Praxis im Hörfunk. 4. Aufl. München: List 1988. S. 219-226, 302-310.
[2] Vgl. Jürgen Bischoff: Computer Aided Radio. In: medium (1995). H. 1. S. 25-30 und
Ursula Nestler: Senden, ohne zu denken? In: Die Zeit (27.1.1995). S. 57.
[3] Vgl. Ulrich Pick: Die Leiche in der Mailbox. Codewort Larissa 4 2": Deutschlands erstes interaktives Hörspiel. In: epd/Kirche und Rundfunk (22.7.1995). Nr. 57. S. 6 f.
[4] Vgl. Michael Esser: Neue Wege ins Ohr. In: Die Zeit (18.8.1995). S. 58 und 
Stefan Müller: Radio aus dem Internet. In: MediumMagazin (1995). H. 12. S. 60 f.
[5] Christian Breunig spricht von "industriepolitisch motivierter Technologiepolitik". In: Christian Breunig: Digitales Radio: Industriepolitik gibt den Ton an. In: Media Perspektiven (1995). H. 10. S. 474.
[6] Vgl. hierzu Jürgen Bischoff: Start ins digitale Satellitenzeitalter. In: Tendenz (1995). H. 2. S. 10 f.; 
Christian Breunig: Digitales Radio: Industriepolitik gibt den Ton an. In: Media Perspektiven (1995). H. 10. S. 462-475; 
Anke Jacobsen und Jörg Stelkens: Die Ohren voll. In: Die Zeit (1.9.1995). S. 42 und 
Claus Reuber: Wer will, kann einsteigen. In: Süddeutsche Zeitung (16.1.1996). S. 26.
 

Stand: Frühjahr 1996, in: ZMMnews. Zeitschrift des Zentrums für Medien und Medienkultur der Universität Hamburg. April 1996, S. 30-32.


Textfassung vom 28.04.1996 (1b), Copyright © Frank Schätzlein, schaetzlein@akustische-medien.de
URL: http://www.akustische-medien.de/texte/zmm_digitalesradio96.htm
Mai 1996 - ZMMnews Online - Zentrum für Medien und Medienkultur - Universität Hamburg